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Cover: Die Amish PeopleZum Inhalt

Sie leben wie in einem anderen Jahrhundert. Der minimalistische Lebensstil der Amish-People ist geprägt von ihrem streng orthodoxen Glauben, absoluter Einheitlichkeit und einer scheinbaren Ablehnung jeglichen Fortschritts und Kontakten zur Nicht-Amish-Welt. Diese fragt sich zunehmend, wie die Amish in unserer modernen Welt überhaupt zurecht kommen können.
Peter Ester schildert die Erfahrungen, die er machte, als er selbst mit den Amish gelebt hat und gibt einen interessanten Überblick über ihre sozialen Strukturen, ihre Religion und ihre Kultur. Gleichzeitig untersucht er, inwiefern sich die Amish an ihre moderne Umgebung angepaßt haben und wie es ihnen gelingt bzw. ob es ihnen auch in Zukunft gelingen wird, ihre Tradition dennoch zu bewahren.

 

 

Kommentar / Meine Meinung

Eigentlich könnte ich meine Meinung komplett aus Zitaten aus dem Buch zusammenstellen. Was andeutet, daß Peter Ester ein sehr umfassendes Werk vorgelegt hat. Ziemlich am Anfang, nämlich auf Seite 21, findet sich beispielsweise diese Aussage:
Das Befragen der Amish nach ihren Werten und Normen bedeutet, dass man selber auch nach seinen eigenen Werten und Normen befragt wird. Das hat konfrontierende, sogar peinliche, aber auch läuternde Seiten. (...) Man stellt Fragen, auf die man eigentlich selbst keine Antwort weiß.

Damit ist die Problematik, wenn man sich auf das Thema einläßt, und nicht einfach nur neugierig über eine fremd erscheinende Menschengruppe, die man als „Versuchsobjekt“ oder wie in einem Museum befindlich betrachtet, treffend beschrieben. Denn die Auseinandersetzung mit der Lebensweise der Amish ist eine ständige Hinterfragung der eigenen Position. In dieser Hinsicht ging es mir nicht besser als dem Autor.

Das Buch selbst ist in vier Kapitel eingeteilt:
- Die Geschichte der Amish (Entstehung in Europa und Auswanderung in die USA)
- Religion, Kultur und soziale Struktur
- Kulturelle Abgrenzung: Auseinandersetzung mit Modernität
- Die Zukunft der Amish

Ich gebe zu, für mich waren die „(Wieder-)Täufer“ bisher nicht viel mehr als ein abstrakter Begriff. Diesen hat Peter Ester mit Leben, grausamem Leben erfüllt. Es gibt heute viel Literatur über Hexenverfolgung und Verfehlungen der katholischen Kirche. Im historischen Teil dieses Buches erfahren wir etwas über die Verfolgung der (Wieder-)Täufer, aus denen die Amish hervorgingen, durch protestantische Christen. Allerdings, ehrlich gesagt, möchte ich keinen Roman über diese Verfolgungen lesen. Die reinen historischen Fakten, nüchtern erzählt wie in diesem Buch, reichen mir völlig, um das Grauen nachvollziehen zu können, das die Amish (und die mit ihnen "verwandten" Mennoniten) in ihren Anfängen durchmachen mußten. Er erklärt dabei auch die Entstehung des Schleitheimer Bekenntnisses sowie des bei den Amish heute noch gültigen Dordrechter Bekenntnisses.

Im zweiten Kapitel geht der Autor auf die Religion der Amish, ihren Glauben und ihre Rituale ein. Er hat im Rahmen seiner Studie eine Zeitlang bei den Amish gewohnt, etliche interviewt und an den Ritualen teilgenommen. Dabei war ihm sein Wohnort nahe Dordrecht eine Art „Türöffner“, wie er vermerkt.

Danach folgt im dritten Teil eine Beschreibung der Amish-Kultur und Sichtweise der Welt. Wie auch der Probleme, die sie mit der sie umgebenden amerikanischen Gesellschaft haben. Vom Schulwesen angefangen bis hin zur Sozialversicherung. Es war dieses Kapitel, was mich am meisten zum Nachdenken über unsere eigene Gesellschaft angeregt hat. (Näheres siehe unten.)

Nachdem er so das Bild einer jahrhundertealten blühenden Kultur entworfen hat, folgt schließlich die Ernüchterung: über dreihundert Jahre haben die Amish alle Stürme überlebt. Doch die moderne Zeit länger als eine oder zwei Generationen zu überleben, dürfte schwierig bis unmöglich sein. Dramatisch gestiegene Bodenpreise in Verbindung mit starkem Bevölkerungswachstum machen es nahezu unmöglich, eine für die Amish grundlegende bäuerliche Existenz zu führen. Um Arbeit und Einkommen zu haben, sind immer mehr Amish gezwungen, außerhalb eines Bauernhofes zu arbeiten. Sei es im eigenen (kleinen) Unternehmen, sei es als Angestellter bei einem Amish oder gar einem „Englischen“ (= Nicht-Amish). Noch gelingt es, diese Anforderungen und Veränderungen mit ihrer eigenen Tradition in Einklang zu bringen. Doch sehr deutlich entwirft Peter Ester ein recht düsteres Bild der Zukunft der Amish. Denn eine bäuerliche Existenz stellt ganz andere Anforderungen als eine als (womöglich) erfolgreicher Unternehmer. Als Stichwort sei die Unmöglichkeit für den Unternehmer, sich von der Welt fernzuhalten, genannt. Oder das Erfordernis, ein eigenes Telefon zu haben.

Der faszinierendste Aspekt der Amish ist in meinen Augen, dass sie, anders als ihre moderneren Zeitgenossen, nicht kopflos und wie Hühner jeder Neuerung hinterherrennen. (Seite 172) Genau dies ist etwas, was mir immer wieder beim Lesen durch den Kopf gegangen ist. Im Gegensatz zu uns werden Neuerungen, neue Entwicklungen nicht hurraschreiend übernommen, sondern zunächst hinterfragt und nur, wenn sie sich mit den eigenen Werten in Übereinstimmung bringen lassen bzw. im Einklang befinden, übernommen. Der „Gesellschaftsentwurf“ der Amish ist ein ganz anderer als unserer. Er ist sehr auf die Gemeinschaft, nicht so auf den einzelnen, auf kleine Einheiten und nicht Globalisierung, auf Demut, Gelassenheit und Weltabgewandtheit hin ausgelegt. Die Amish sind der lebende Beweis, daß unsere Gesellschaftsform nicht die einzig mögliche (und damit richtige) ist, daß es durchaus andere Werte gibt, die sich im Leben verwirklichen lassen.

Es hat sich mir immer wieder die Frage gestellt, inwieweit eine Gesellschaft das Recht hat, ihre Werte und Vorstellungen grundsätzlich allen Menschen als selbstverständlich aufzuzwingen. Bis zu diesem Buch hätte ich diese Frage ohne großes Nachzudenken recht eindeutig beantwortet. Jetzt vermag ich das nicht mehr. Es gibt sicherlich gewisse Menschenrechte, um diesen Ausdruck zu benutzen, die nicht verhandelbar sind. Doch ob eine Gesellschaft alles, was darüber hinaus geht, wirklich so unbedingt und absolut durchsetzen darf, wie wir das von unserem Rechtssystem (da unterscheidet sich das amerikanische nicht von europäischen) gewohnt sind - diese Problematik taucht immer wieder im Buch auf.

Wie eingangs angedeutet, zwingt die Auseinandersetzung mit den Amish dazu, ständig die eigene Position und die eigenen Werte zu hinterfragen, bisweilen sogar zu begründen. Nicht immer habe ich mich dabei in der besseren Situation, mit den besseren Argumenten ausgestattet gefunden. Es gibt einen „Gegenentwurf“ zu unserer Gesellschaft, der alles andere als rückständig oder zu belächeln ist. Das ist der Stachel, der bleibt. Das ist die Anfrage an die eigene Position, die man - beschäftigt man sich ernsthaft mit der Thematik - irgendwann beantworten muß. Und wenn man sich ehrlich dieser Frage nähert, mit zu Beginn offenem Ausgang. Keine angenehme Situation.

 

Mein Fazit

Eine gut lesbare Darstellung der Geschichte der Amish, ihrer Religion, Kultur und Gesellschaft. Für meine Begriffe als Einstieg ins Thema gut geeignet.

 

Bibliographische Angaben

200 Seiten, einige Fotos, kartoniert, Patmos Verlag, Düsseldorf 2008